© Neuhold/Huettmannsberger

Weihnachtskarte der Jungen Kirche Steiermark - Neuhold/Huettmannsberger

Kein Stein bleibt auf dem anderen

Eine Weihnachtsgeschichte

Dunkelheit. Immer nur Dunkelheit. Genervt lehnte sich Josef an eine der Plastikwände, die schon viel zu lange sein Zuhause bildeten. So viel Dunkelheit war für ihn mittlerweile unerträglich. Wann würde damit endlich Schluss sein? Hatte nicht der Prophet Jesaja damals zu ihnen gesagt: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“?

Und wo war es jetzt, dieses Licht? In dieser Kiste, immer zusammengepfercht mit den Anderen, die aus ähnlichen Steinen zusammengesetzt waren wie er – das konnte doch nicht die Zukunft sein. Josef seufzte. Vermutlich seufzte auch Maria, aber wer wusste das schon so genau. Er konnte sie in dieser Finsternis nicht sehen, und er hörte sie auch nicht. Hin und wieder blökte ein Schaf, und manchmal i-ahte auch der Esel verständlicherweise eher klagend als froh.

Plötzlich vernahm Josef ein Beben. Da, noch einmal! Kein Zweifel: Da bewegte sich etwas! Wieder gab der Esel seine mittlerweile recht unoriginell gewordenen Laute von sich, diesmal allerdings eher aufgeregt als jammernd. Auch die Schafe blökten lautstark drauf los und auf einmal war Leben in der Plastikbox: Es wurde eine Art Deckel über ihren Köpfen weggehoben, Licht fiel herein und alle, die in der Kiste herumlagen, fielen heraus.

Licht. Das Licht, von dem der Prophet gesprochen hatte. Endlich!

Eine höhere Macht begann nun, sie alle, die sie gerade noch eng im Dunkeln zusammengelegen hatten, anzuordnen, so wie ein Theaterregisseur seine Statistinnen und Statisten in Position bringt oder ein Fotograf ein Gruppenfoto inszeniert. Die drei Weisen aus dem Morgenland, die schlecht geschlafen hatten und dementsprechend mies gelaunt waren, brauchten ein Weilchen, um sich dem Willen des höheren Wesens zu fügen. Josef freute sich, seine Maria endlich wieder zu sehen. Das hatte der Höchste schon gut gefügt, fand Josef. Der Ochse machte es sich neben ihm gemütlich, der Esel hatte sich an Marias Seite gesellt. Der große Hirte war ebenfalls aufgetaucht, und wie immer machte er Witze über den kleinen Hirten, der sich das natürlich nicht gefallen ließ und ziemlich ausfällig wurde. Zum Glück übertönten die Schafe mit ihrer Blökerei das Geschimpfe der Hirten recht gut, was zumindest zwei der drei Weisen amüsierte.

„Josef“, sagte Maria. „Ja, mein Schatz?“, sagte Josef. „Ich mache mir Sorgen.“ Maria wirkte auch einmal sehr traurig. „Bald kommt unser Kind auf die Welt und wir haben hier keinen Platz!“ Hätte Josef Arme gehabt, hätte er seine Maria gerne in dieselben geschlossen. So blieb er nur wie versteinert stehen und murmelte etwas, das wie „wir schaffen das schon“ klang.

Und siehe, es kam die Zeit ihrer Niederkunft, und Maria und Josef wurde ein Kind geschenkt. Es war von der Machart so wie sie und doch ganz anders. Es schien nicht in diese Welt zu passen und doch hatten alle nur noch auf es gewartet. Das Kind würde ein Stein des Anstoßes sein, von den Bauleuten verworfen und doch zum Eckstein werden, der alles trägt. Einer, auf den man bauen kann, ein Haus zum Beispiel, ein Haus auf einem Felsen. Oder gleich den Tempel, den das Kind abreißen und in drei Tagen neu aufbauen würde wollen, was ein Bild für die Auferstehung des Kindes von den Toten sein und nicht von allen verstanden werden würde. Ja, das Kind würde einmal Mauern einreißen, auch solche, die nicht aus Steinen bestehen. Es würde erzählen, verändern. Es würde Sinn schenken, Hoffnung, Zukunft. Das Kind würde den Himmel öffnen. Für alle.

Aber daran dachte wohl in diesem Moment noch niemand. Außer Maria vielleicht, die all das, was geschehen war, in sich bewahrte und darüber nachdachte.

Es war ein Bild, das wohl ideal auf eine Grußkarte gepasst hätte: Die drei Weisen, von denen nun endlich alle drei wach waren; der Ochse, der neben Josef ein Nickerchen machte, Josef selbst und daneben seine Maria; der Esel, der zu den Schafen linste und ein zufriedenes I-Ah hören ließ, der große und der kleine Hirte, die vorübergehend Frieden geschlossen hatten (oder sich in einer Kampfpause befanden) und die drei kleinen Schafe, die sich irgendwie an den Rand gedrängt fühlten. In der Mitte lag das Kind, der Sohn des Höchsten, der Retter der Welt. Mit einem Mal wurde allen ganz feierlich zumute. Sie spürten: Auf dieses Kind können wir bauen. Mit dem heutigen Tag würde kein Stein mehr auf dem anderen bleiben.

von Josef „Seppi“ Promitzer